Das schwelgen in Erinnerungen der beiden alten Männer beim Blättern in den Alben hat viel Gelächter ausgelöst. Man erinnert sich an so manchen Blödsinn, den man gemacht hat, aber auch an unvergessliche Erlebnisse. So zum Beispiel unsere gemeinsame Tour über mehrere Wochen durch Wales, Schottland und Irland (siehe Aufmacherfoto). Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, und wir reisten einfach, bis das Geld alle war. Ich glaube freier habe ich mich in meinem Leben nie gefühlt.

Einige Jahre zuvor, bei einer meiner Irland-Reisen, benötigte ich nach einem Sturz dringend Ersatzteile. Wir bekamen dann das Angebot im Hof einer Werkstatt aus einer Schlachtmaschine die benötigten Teile auszubauen. Werkstätten dieser Art sind heute kaum noch vorstellbar.

Auch Albert hat etliche Trips nach Irland unternommen. Die Tiger war ein wirklich feines und zuverlässiges Fahrzeug dafür.


Bei Albert muss die Garage auch als Werkstatt dienen. Aber Platz ist ja bekanntlich in der kleinsten Bude. Beim Blick in die Schrauberhöhle fällt mein Blick natürlich als erstes die Sevenfifty, die als Alltagsmuli herhalten muss. Dahinter die Trident, und daneben, ganz in der Ecke die Tiger. Wie Dornröschen wartet sie darauf, wachgeküsst zu werden.

Als sie gut 180 000 km auf der Uhr hatte, hätte eine Komplettüberholung angestanden. Albert hat stattdessen ein ausgesprochen gutes Trident-Angebot angenommen. Aber die Tiger will er nicht abgeben. Wäre auch eine Schande…

Aber die Tiger ist nicht das einzige Dornröschen. Die Kradisten in meinem Umfeld werden auch alle älter, und mancher denkt über ein leichteres Motorrad nach. Ago spricht in letzter Zeit öfter über leichte englische Einzylinder mit 500 ccm. Er ist sich aber nicht sicher, ob ihm sowas dann auch wirklich zusagt. Und dann ist da noch der Kostenfaktor. Für einen Versuch einen höheren vier- oder gar fünfstelligen Betrag ausgeben? Das können wir uns beide nicht leisten. Also hat er sich erst mal von Bekannten für einen symbolischen Betrag die seit 20 Jahren abgestellte Honda XBR ins Haus geholt. Jetzt ist er erst mal mit dem Sichten und Beheben der üblichen unvermeidlich eintretenden Standschäden beschäftigt, die nach so langer Standzeit nun mal da sind.

Und er erlebt, dass die Teileversorgung auch bei japanischen Alteisen durchaus herausfordernd und kostenträchtig sein kann. Und ich bin plötzlich der, der dem Engländerspezialisten Infos geben muss, ein ungewohnter Rollentausch.

Heute testet er mal das von ihm noch nie eingesetzte elektro-chemische Tank-Entrostungs-Verfahren. Auf seine Frage, was es wohl für seinen Engländer-Spezialisten-Ruf bedeutet, wenn er auf einem Japaner gesichtet wird, habe ich ihm mit dem bekannten Spruch vom ungenierten Leben geantwortet, den auch Wilhelm Busch und Berthold Brecht in ihren Texten schon verwendet haben.

