Motorrad

Nähmaschinchen

Die zweite Aprilhälfte hat uns in diesem Frühling mildes, meist sonniges Wetter beschert. Optimal um in diese Motorradsaison zu starten.

Armin

Unsere kleine Alteisentreiber-Frühstücksrunde geht nun schon in ihr viertes Jahr. Alle paar Wochen treffen wir uns reihum mal bei jeden von uns Vieren zum Frühstück. In diesem Jahr ist Peter der Erste, der bei strahlendem Sonnenschein mit dem Motorrad anreist, so eine tadellose Honda CB 750 FOUR ist immer eine Augenweide, und der Sound stimmt auch. Bei bestem Wetter, aber am frühen Morgen einstelligen Temperaturen bevorzugen Gerd und Alois noch das beheizte Auto. Wir werden alle nicht jünger.

Immerhin ein Windgesicht. Wobei: bei dem Wetter droht eher ein Sonnenbrand…

Eine gute Woche später rolle ich die Clubman nach der dieses Jahr erst spät erfolgten Winterinspektion von der Hebebühne und drehe als Probefahrt eine erst Runde durchs Bergische Land.

Probefahrt ohne Nacharbeitsbedarf bestanden.

Alois gesellt sich mit seinem Gespann dazu, die Nortons dürfen mit ihren Saisonkennzeichen noch nicht. Piet geht es genauso, und kurz überlegt er, ob er die Clubman mitnimmt, denn die wiederkehrenden Streiks im ÖPNV erschweren ihm die Fahrten zu Job und Uni deutlich.

Mein alter Schul- und Mopped-Freund Ingo gleitet langsam in das Pensionärs-Dasein und tauscht den Zahnarzt-Bohrer gegen den Schraubenschlüssel, ganz wie früher. Offensichtlich hat er Spaß dabei.

Den konnte ich mir nicht verkneifen: Haben Motorräder Angst vor dem Zahnarzt?

Als ich bei Gerd vorbei schaue, ergibt sich die Gelegenheit, mal in die Schrauber-Höhle des Nachbarn zu schaun. Es ist immer wieder spannend, was für Schätze in Garagen, Schuppen und auf Dachböden schlummern. Ich bin nicht der einzige Jäger und Sammler.

Bei Michael steht eine bunte Mischung an Zweirädern,…
…und das ist nicht alles.

Am ersten Mai darf Piet endlich seine 400 FOUR wieder auf der Straße bewegen, das gute Wetter hat ihn diesbezüglich schon etwas ungeduldig gemacht. Wir fahren bei Kaiserwetter gemeinsam zur Motorrad-Oldtimer-Rallye nach Dom Esch.

Erster Mai: Auch Piet’s 400er darf wieder auf die Straße.

Am Vorabend hole ich die Honda von der Hebebühne und bemerke dabei eine Fehlfunktion der Bremse. Der entspannte Abend hat sich damit erledigt, denn ich brauche volle 90 Minuten, bis alles zu meiner Zufriedenheit funktioniert, und eine störungsfreie erste Ausfahrt gesichert scheint. Kochen fällt deshalb aus, der örtliche Döner-Lieferant freut sich.

An diesem Retro-Bike scheiden sich die Geschmacks-Geister. Aber Schönheit liegt nun mal im Auge des Betrachters. Ich sage da immer: jedem Tierchen sein Plaisierchen.

Ich finde an dieser Veranstaltung immer die große Zahl an Vorkriegsmotorrädern und die Vielfalt und Bandbreite von dem was es zu sehen gibt richtig klasse.

Das war das mit 16 von mir heiß begehrte Kreidler-Modell, Signal-Lacke waren groß im Kommen. Allerdings hätte ich schon gerne das Kleinkraftrad statt des Mokicks gehabt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich den Weg noch weiß, letztes Jahr habe ich mich verfahren. Deshalb übernimmt Piet diesmal die Handy-Navigation und die von ihm ausgewählte alternative, etwas längere Route ist tatsächlich netter. Die beiden 400er summen ihr Lied im Chor, und wir wählen fast identische Schaltpunkte, obwohl Piet mit Sozius fährt. Ralf Schneider hatte das im Artikel in der MOTORRAD CLASSIC über die Restaurierung seiner 400er mal sehr treffend beschrieben: „Das Nähmaschinchen ist ein perfektes Realitätsfluchtfahrzeug, indem es die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Manchmal brauche ich das.“ Ich verstehe sehr gut was er meint, und auch nach 48 gemeinsamen Jahren funktioniert das noch. Eigentlich sogar noch mehr.

Nein, das ist keine Hochglanz-Restaurierung. Aber dieser Umbau mit erhaltener Patina löst bei mir sehr viel mehr aus. Ich fühle mich wie 16-jährig vor dem Jugendzentrum. Herrlich!

Die Mofa- und Moped-Fraktion ist auch immer stark vertreten. Als Gruppen rollen immer die Kreidler- und die Zündapp-Gang auf das Gelände.

So eine Honda war damals sehr selten, und es wollte sie auch keiner. Zu lahm. Heute werden unglaubliche Summen für solche Fünfziger bezahlt.
Ähnlich verhält es sich mit diesen Hercules-Kleinkrafträdern: Das Modell mit Schwingen-Gabel wurde gemieden, aber erzielt heute stolze Preise.
Als diese LC erstmals beim örtlichen Händler im Schaufenster stand, haben wir uns die Nase an der Scheibe plattgedrückt, obwohl wir da schon das erste Motorrad fuhren. Serienmäßig doppelte Scheibenbremse und Verkleidung und ein topmodernes Design, das war der Hammer.

Ich treffe Alois und Rita, Peter, Guido, schlendere mit den Jungs über das Gelände, erzähle den beiden interessierten Youngsters ein bisschen was zu dem was wir da sehen. Die Zweitaktfraktion ist nicht nur in der Schnapsglas-Klasse mal wieder stark vertreten. Naturgemäß sind bei den Motorrädern bis in die 50er-Jahre etliche mit dem blauen Rauchfähnchen dabei.

Authentische Patina…
…oder piekfein durchrestauriert? Da scheiden sich die Geister.

Egal welche Oldtimer-Philosophie der Einzelne vertritt, es scheinen alle Spaß zu haben.

Eine solche nur zwei Jahre jüngere DKW SB 350 incl. Seitenwagen wartet bei mir noch auf die Instandsetzung.

Im vergangenen Jahr waren sieben der 150 Rallye-Teilnehmer auf über 100-jährigen Motorräder 100 km durch die Eifel unterwegs. Die gesamte Organisation incl. Catering wird von den engagierten Motorsport-Mitgliedern getragen. Da kann es mal holpern, aber dafür stimmen die Preise und die Atmosphäre. Und es kostet keinen Eintritt. Sowas trifft man nicht mehr oft an.

Zu Beginn meiner Motorrad-Karriere stand sie an jeder Ecke. Heute sind die frühen Yamaha-Twins sehr selten, die meisten wurden gnadenlos verheizt.
Noch so ein seltenes Schätzchen: 500er Suzuki-Twin.
Legendär: Die Dreizylinder-Zweitakter von Kawasaki, hier die 750er,…
…und der 750er-Triple von Suzuki, genannt Wasserbüffel.
Und auch die ist selten, und für mich leider unbezahlbar, die Vincent. Ja, Jungs, ich weiß, sie hat Kanten und Haken – die hab ich aber auch, würde also passen.

Mir macht es natürlich Spaß, mit Piet und seinen Freunden unterwegs zu sein, und von meinem Wissen ein klein wenig an sie weiter zu geben, sofern sie interessiert sind. Schließlich gibt es in der digitalen Gegenwart gar nicht mehr so viel davon.

Auf dem Heimweg mache ich noch eine kurze Pause an der Alten Schule, und es trifft mich ein Kulturschock. Etwa ein Viertel der Motorräder auf dem vollen Parkplatz sind die rollenden digitalen Plastik-Motorrad-Gebirge deutscher Herkunft, das zweite Viertel ist aktuelles US-Schwermetall. Der Rest ist übermotorisiertes japanisches Material im Transformers-Design. Natürlich bleibt die Zeit nicht stehen, Veränderung ist bekanntlich die einzige Konstante. Aber ich bleib beim Alteisen: Mehr Vielfalt! Und passt auch besser zu mir…