Werkstatt

Rückzug in die Werkstatt

Der Oktober hat noch ein paar warme, sonnige Tage beschert. Aber die nächtlichen Temperaturen und das sich nun doch schnell verfärbende Laub läuten unmissverständlich den Herbst ein. Da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der jahreszeitlich bedingte Rückzug in die Werkstatt erfolgt.

Armin

Peter hat schon damit begonnen und hat noch einige Arbeiten an seiner Rocket 3 von Ago erledigen lassen, einige aber selbst in die Hand genommen. So stellte sich z. B. die Montage einer etwas breiteren X-Ring-Kette in Verbindung mit dem serienmäßigen Kettenschutz als echter „Konfliktfall“ heraus.

Bei dem Vorhaben, gleich noch neue Reifen zu montieren, ist er auf ein Problem gestoßen, mit dem ich in den letzten zwei Jahren auch schon konfrontiert war: Wer verkauft noch Reifen für Klassiker in passender Größe und zu akzeptablen Preisen, und wer ist in der Lage, sie fachgerecht und ordentlich zu montieren und zu wuchten. Kein Problem, sollte man meinen, gibt es doch überall Reifenhändler. Tatsächlich aber sind diese anscheinend nur noch in der Lage, Massenware und Massensysteme zu beschaffen und zu betreuen. Motorrad-Oldtimer haben i. d. R. deutlich andere Rad- und Reifenabmessungen, als moderne Motorräder, auch die Bauart unterscheidet sich. Der Triple von Peter zeigt exemplarisch, auf was für Hindernisse der Alteisen-Schrauber wegen eines vermeintlich banalen Reifenwechsels so stoßen kann.

Der Hinterreifen ist endlich montiert und gewuchtet. Die neue X-Ring-Kette muss nun vernietet werden.

Die BSA Rocket 3 hat wie meine Triumph Trident nicht die in den Siebzigern übliche 18-Zoll-Radgröße, sondern 19-Zöller. Damit ist die Auswahl verfügbarer Reifen für diesen Oldtimer schon mal erheblich eingeschränkt. Es ist durchaus möglich, dass der Händler um die Ecke den gewünschten Reifen nicht beschaffen kann. Peter hat sich für den 1969 serienmäßig montierten Dunlop TT 100 entschieden. Damals der Top-Reifen, heute gibt es bessere. Aber neben der von Peter erwünschten Originalität steht er dem Motorrad mit seinem typischen Aussehen auch gut, und dank aktueller Gummimischung ist er auch gut fahrbar. Auffällig bei der Beschaffung im Internet sind die erheblichen Preisdifferenzen (bis zu 100 %) bei den Anbietern.

DER Reifenhändler und Monteur für Motorradreifen im Großraum Köln/Bonn war jahrzehntelang die Firma Kastenholz. Vor zwei Jahren hat sie mangels Fachpersonal und mangels eines Nachfolgers oder Käufers geschossen. Kastenholz hat mir stets alle Reifen besorgt, auch Rennreifen. Und wenn ich sie woanders günstiger besorgen konnte, hat er sie dennoch montiert. Die Montage erfolgte wie üblich, aber dann kam das Rad erst mal 10 Minuten in eine Walkmaschine. Der danach warm und weich ‚gefahrene‘ Reifen setzte sich dann perfekt in die Felge. Die dynamische Wuchtung erfolgte dann auf Wunsch mit Speichengewichten, und eben nicht nur mit den heute üblichen Klebegewichten. Viel Spaß demjenigen, der solche Klebereste aus einer originalen alten Alu-Hochschulterfelge herauspulen darf, ohne Schäden im weichen Alu zu hinterlassen. Außerdem war bei Kastenholz stets im Angebot, mittels einer dafür selbst gebauten Maschine die Reifenflanken ein wenig aufzurauhen, da es immer wieder auch wegen der an neuen Reifen noch anhaftenden Trennmittelreste aus der Vulkanisierform gleich in der ersten flott gefahrenen Kurve zu Stürzen kam. Professionelles Handwerk eben.

Ein ‚Fachbetrieb‘ liefert völlig unfachmännische Arbeit ab. (Foto Peter S.)

Auch der Reifenmann Busenius, oft im Fahrerlager mit Rennreifen in den ungewöhnlichen Oldtimer-Größen hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Mal sehen, wie ich zukünftig da noch an Material komme. Auch Alois hat das Thema jüngst erlebt. Sein Gespann rollt auf Autoreifen, also sollte die Beschaffung eigentlich kein Problem sein. Aber kein Händler war dazu in der Lage, den gewünschten Reifen zu beschaffen. Letztendlich musste er auf eine andere Marke zum doppelten Preis wechseln.

Zurück zur Rocket 3: Ich hatte vor einiger zeit bei einer naheliegenden freien Motorradwerkstatt einen Reifen montieren lassen, das Ergebnis war ok. Also hat Peter sein Hinterrad dort abgegeben. Weder verfügte man dort über ein passendes neues Felgenband, noch wurde alternativ Panzerband verwendet. Peter wollte auf die beiden inneren Reifenhalter verzichten. Die beiden Schraubenlöcher in der Felge wurden nicht verschlossen, es wurde sogar anstatt durch die dafür vorgesehene Bohrung durch eines dieser Schraubenlöcher das Ventil gezwängt. Speichengewichte hatte die Werkstatt besorgt, aber statt die auf den Speichennippel zu fixieren, wurde das Gewicht mittels Wasserpumpenzange festgewürgt und dabei erheblich beschädigt.

Die erste Probefahrt mit der überarbeiteten Rocket mit neuen Reifen führt an meiner Einfahrt vorbei.

Letztendlich haben wir das Rad in meiner Werkstatt dann selbst nochmal statisch gewuchtet, und das erforderliche Gewicht aus meinem Fundus erneuert und korrekt montiert. Außerdem habe ich mich an einen alteingesessenen Reifenbetrieb erinnert, an dem ich früher oft vorbei gefahren bin. Der hat dann das Vorderrad mit einem neuen Reifen bestückt, und dabei wohl ordentlich gearbeitet. Dieser Triple hat, wie auch viele alte Triumphs, eine feststehende Vorderachse im Rad. Will man sie demontieren, muss man sie samt Radlager heraustreiben. Keine Option also für einen Reifenwechsel. Aber ohne entsprechende Aufnahmen können Reifenhändler so ein Rad dann nicht auf ihre Wuchtmaschine montieren.Das Wuchten haben wir dann in gewohnter Weise lieber selbst erledigt.

Warum ich das berichte? Dass ein beauftragter Handwerker mal Grund zu einer Reklamation abliefert, ist nichts Außergewöhnliches. Aber was an Wissen, Erfahrung und Kompetenz gerade durch das Ausscheiden vieler Spezialisten aus der Boomer-Generation in Richtung Ruhestand für unser Hobby bedeutet, ist sehr gravierend, wenn nicht sogar bedrohlich. Klar, vieles macht man als Schrauber dann eben doch selbst. Aber man kann nicht alles selbst machen, manches braucht spezielle Maschinen und Kenntnisse, was dann der Amateur nicht leisten kann.

Auf den ersten Blick kann so ein Motor ganz unverdächtig aussehen, insbesondere wenn er ja kurz vorher noch scheinbar ganz passabel lief. (Foto Torsten B.)
Hier hat definitiv ein rotierendes Teil im Gehäuse geschliffen und womöglich Späne produziert. Das sollte besser nicht so sein. (Foto Torsten B.)
Deutlich verschlissene Lagerschalen, die dann auch entsprechende Spuren… (Foto Torsten B.)
…am Lagerzapfen der Kurbelwelle hinterlassen. Nur wenn noch genug Material vorhanden ist, kann die Welle durch Überschleifen und erneutes Härten gerettet werden. Ggf. lässt sich im Laserschweißverfahren neues Material aufschweißen, aber das treibt die eh schon hohen Kosten nochmal massiv in die Höhe. Ich werfe solche Teile inzwischen nicht mehr weg, man weiß ja nie… (Foto Torsten B.)
Ich vermute mal, hier war die Dichtung des Rockerbox-Deckels undicht. Also wurde unter entsprechendem Krafteinsatz nachgezogen, statt sie zu wechseln. Die dadurch entstandenen Risse im Deckel dürften für noch mehr Ölverlust gesorgt haben. Die Schuld geben solche ‚Spezialisten‘ dann traditionell den schlechten englischen Motorrädern. (Foto Torsten B.)
Hier kommen die Ölschläuche zum Ölkühler und zum Öltank drauf. Durch Sie fließt dann heißes Öl unter Druck. Das dürfte dann auch seinen Weg durch den Riss finden. Entstanden ist er mit Sicherheit nicht durch kompetenten Umgang mit dem Material. Vermutlich hat die Maschine mal zu wenig Bodenfreiheit gehabt. (Foto Torsten B.)
Noch ein Beispiel für geballte Schrauber-Kompetenz: Immerhin wurde die zu lange Schraube nicht wie so oft mit Gewalt in das Sackloch-Gewinde gedreht, dass dadurch dann meist hinten ausbricht. Man hat halt vier Unterlegscheiben verbaut, anstatt die Schraube zu kürzen. Top! (Foto Torsten B.)
Dieser Gehäuse-Anguss hat mal so eine Sackloch-Gewindebohrung beherbergt. Und wahrscheinlich wurde eine zu lange Schraube mit Gewalt reingedreht, bis ein Teil der Bohrung weggebrochen ist. Geht ganz einfach, der Stahl der Schraube ist nun mal deutlich härter, als das Gehäuse-Alu. Als ‚Reparatur' wurde einfach dann eine Schraube von hinten durchgesteckt, auf die man dann eine Mutter dreht. (Foto Torsten B.)
Hier wurde mit Gewalt eine völlig defekte oder völlig falsche oder falsch angesetzte Mutter auf den Gewindebolzen gedreht. Kleiner Hinweis: wenn man beim Draufschrauben einer Mutter Gewalt anwenden muss, ist das ein Indiz dafür, dass etwas nicht stimmt. Man könnte dann unterbrechen und Ursachenforschung in Sachen Schwergängigkeit betreiben. (Foto Torsten B.)
Noch so ein Klassiker: Reichlich Dichtungsmasse hat den Deckel verklebt, so dass man ihn bei der Demontage kaum runter bekommt. Also wird kurzerhand ein Schraubenzieher zwischen Deckel und Gehäuse getrieben. Dann wird kräftig gehebelt. Diese Dichtfläche zeigt eindeutige Spuren davon, und dürfte wohl kaum noch dicht zu bekommen sein. (Foto Torsten B.)

Ich bin ganz ehrlich: Zu Beginn meiner Schrauber-Entwicklung habe ich auch solche Sünden begangen. Aber meist nur einmal, denn der Preis der Folgen war stets viel zu hoch. Das führt dann zu drei Optionen: Lernen wie man’s richtig macht, oder den Fachmann ran lassen, oder ganz die Finger von solchen Projekten lassen. Die erste Option ist mühsam, kann aber nach anfänglichem Frust sehr befriedigen. Man lernt Misserfolge zu verdauen, dann einsetzender Erfolg stärkt das Selbstvertrauen. Die Zweite Option ist oft sehr kostspielig, sichert aber die Existenz von Spezialisten. Die Dritte Option könnte als vernünftig bewertet werden, macht aber keinen Spaß.

Und leider nimmt die Zahl der Spezialisten im Handwerk, die solche Motoren wie auf den oben gezeigten Bildern des Grauens wieder in einen wirklich guten Zustand versetzen, rapide ab. Wir sollten Ihrer Arbeit also die angemessene Wertschätzung entgegen bringen.