Es ist wenige Minuten nach 6 Uhr, als ich wie jedes Jahr im Dunkeln bei Alois in die Einfahrt rolle. Wenn ich richtig gerechnet habe, fahren Alois und ich seit 24 Jahren jeden Oktober zusammen nach Mannheim zur Veterama. Und nur einmal bin ich wegen Krankheit ausgefallen.
Zwei Veranstaltungen markieren für mich immer das Saisonende: Die Hockenheim Classics und die Veterama. Da ich bei Ersterer diesmal verletzungsbedingt nicht starten konnte, blieb nur Letztere. Gekauft habe ich dort meist nur Kleinkram. Nicht weil ich nichts gefunden hätte, aber oft waren die interessanten Dinge weder mit meinem Geldbeutel, noch mit meinem Rucksack kompatibel. So ist es in der Regel bei Kleinteilen, Werkzeug und Verbrauchsmaterial geblieben.
Diese Velocette ist so etwas, das ich bei passendem Kontostand ernsthaft in Erwägung gezogen hätte. Zumal mir das ein ideales Fahrzeug für genüssliche Rentner-Landstraßen-Bummelei zu sein scheint.Oder doch etwas klassischer und stattdessen so eine Raleigh,……BSA,……Norton,……Matchless,...…oder diese Raleigh? Oder doch diese Horex mit der schönen Auspuffanlage, die später unter dem Begriff ‚Scrambler‘ fielen? Sie sind alle schön und reizvoll. Hätte ich Geld und Platz --- ich wäre hoffnungslos verloren, und bräuchte für die Heimfahrt einen 7,5-Tonner…
Trotzdem blieb all die Jahre die Lust am Schauen, Stöbern, Suchen, Finden. Und der Spaß Bekannte aus der Szene zu treffen, sei es als Verkäufer am Stand, oder als Suchender in den Gängen. Die Veterama bietet einfach eine nette Atmosphäre, Gleichgesinnte aus ganz Europa sind hier unterwegs. Und so unterschiedlich die Personen und Gruppen sind: dieses Hobby verbindet.
Besonders interessant war diese Triumph Trident T160 mit original gerade mal 853 Meilen auf dem Tacho. Vor vielen Jahren parkte sie noch bei meinem Freund Ago im Wohnzimmer.Exakt solche eine Norton Fastback in British Racing Green war die erste Norton, die ich live in freier Wildbahn sah und hörte. Ich stand 1981 als Zivildienstleistender mit einem 207 D von Mercedes im Ampelstau in Schorndorf, als sich mit lautem Wummern der englische Twin am Stau vorbei schlängelte. Ihr Design mögen nicht alle, aber ich find’s toll.Mit Rollern, und ganz besonders mit Vespas, konnte ich dagegen nie etwas anfangen. Gelegentlich fuhr ich während des Studiums eine Vespa, und fand die Dinger gruselig und beängstigend. Jeder Kieselstein brachte diese viel zu kleinen Rädchen aus dem Konzept, und ohne Tank zwischen den Knien gab es kein Gefühl für Schräglage. Dafür immer die Angst, das bekloppte Trittbrett aufzusetzen und abzuschmieren…
Über die Jahre hat sich die Veterama und die Schwerpunkte der Angebote natürlich verändert. Dieses Jahr schien mir sowohl bei den Anbietern, als auch bei den Besuchern alles ein wenig ausgedünnt. Auch waren nach meinem Eindruck mehr Komplettmotorräder aus den 60er und siebziger Jahren im Angebot. Die älteren der Baby-Boomer steigen langsam aus.
Tatsächlich gab es eine Zeit, in der auch ich sowas ‚scharf‘ fand. Peter Fonda und Dennis Hopper hatten es in „Easy Rider“ vorgemacht. Gerd hat gerade eine Yamaha XS 650, wie sie die Basis für diesen Umbau war, auf der Hebebühne.
Das Zweitakt-Thema war für mich nach den Kreidler-Zeiten erledigt. Ich mochte den Sound nicht, das Konzept nicht, den blauen Dunst nicht, egal wieviel Leistung sie lieferten. Heute hört man im Straßenverkehr nur noch zugestopfte charakterlose Mofa-Zweitakt-Roller --- schrecklich. Da bekommt man fast wieder Lust auf die Zweitakt-Maschinen der 60er- und 70er-Jahre. Diesmal wurden in Mannheim auffallend viele davon angeboten.
Solch ein Kreidler Mokick, allerdings in rot, war der beginn meiner motorisierten Zweirad-Karriere. Heute werden dafür absurde Preise aufgerufen.In den 60ern baute Yamaha 250er Zweitakt-Twins, deren Motoren stark an jene von Adler erinnerten. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, ein solches Modell mal live erlebt zu haben. Noch waren damals japanische Maschinen eher selten und wurden skeptisch beäugt.Yamaha entwickelte kontinuierlich weiter und lieferte in den 70ern schnelle 250er- und 350er-Twins mit der RD-Baureihe. Die meisten wurden gnadenlos verschlissen, entsprechend selten und teuer sind sie heute. Auch die Teilesuche gestaltet sich schwierig und kostenträchtig.Mit den Konkurrenz-Modellen von Suzuki verhält es sich nicht viel anders.Kawasaki toppte die Entwicklung mit Triples von 350 ccm, 500 ccm und 750 ccm, von denen diesmal auf der Veterama erstaunlich viele angeboten wurden. Insbesondere die 500er hatte einen legendären Ruf als „Witwenmacher“. Das Fahrwerk war von der Motorleistung wohl ziemlich überfordert. Der Zweitakt-Triple liefert eine ziemlich einmalige und spektakuläre Klang-Kulisse, wenn volle Leistung abgerufen wird. Auch Suzuki begann Triples zu bauen, allerdings teilweise mit moderner Wasserkühlung und eher als Tourer ausgelegt.Dieses Sarolea-Gespann war eine Augenweide. Als wir später nochmal an den Stand kommen, stellt sich heraus, dass der Besitzer mit Jochen befreundet ist. Außerdem ist er offen für Angebote, denn er denkt aus Altersgründen über den Kauf eines Kleinwagen-Oldtimers nach.
Während ich über das Gelände wandere, halte ich immer Ausschau nach einigen BSA-Rocket-3-Teilen, die Peter noch sucht. Und nach dem speziellen Schlüsseldienst. Ich kenne das Problem: Der übliche Schlüsseldienst hat für einige Schlüssel alter englischer Motorräder keine passenden Rohlinge.
Auch Peter hat schon über ein kleineres Gefährt für den alternden Baby-Boomer nachgedacht. Er liebäugelt mit italienischem Gerät. Es muss original und in Top-Zustand sein, und über Bremstrommeln und Speichenräder verfügen. Ihm schwebt eine frühe 350er Ducati vor.Diese Sport-Version wäre da eher mein Fall.Und dieses Projekt eines Alu-Blech-Künstlers hat auch was.Ich finde ja, durchaus, dass Scrambler schon alleine wegen des höheren Lenkers für alternde Rücken und Handgelenke gar nicht schlecht sind. Außerdem gefallen sie mir. Aber Schönheit liegt im Auge des Betrachters, Peter schüttelt sich beim Thema Scrambler. So bleibt uns die schöne Vielfalt also erhalten.Außerdem stehe ich bei italienischem Material eher auf frühe, große Ducati-Königswellen-Twins. Nicht unbedingt dieses Modell, in gelb ist sie schon ziemlich knallig, das sehen andere wohl auch so. Deshalb soll sie auch ‚nur‘ 31 000 € kosten. Länge läuft. Auch eins der beiden ersten Moto-Guzzi-Le-Mans-Modelle würde ich nehmen.Und für jene, die etwas ganz Seltenes suchen, war diese Benelli Tornado im Angebot. Die Motoren sollen etwas ‚kapriziös‘ gewesen sein. Hat man auch über englische Motorräder gesagt. Meistens war es aber eher die Unfähigkeit der Fahrer, mit dem Material angemessen umzugehen…
Natürlich bot die Veterama auch wieder reichlich Gelegenheit, sich Arbeit und Kosten in Form eines ‚Projekts‘ in die Werkstatt zu holen. Da ich aber davon schon ausreichend habe, halte ich mich davon fern.
Ok, dieses „Projekt“ könnte eine zu große Herausforderung sein. Wobei, meine Ex-Chefin meinte mal zu mir: „Man wächst mit der Aufgabe“…Viel besser war der Zustand meiner Trident beim Kauf damals auch nicht. Diese Gnome et Rôhne erinnert stark an die Zündapp-Boxer-Modelle.5000 € sollte dieses verlebte Guzzi-Gespann kosten. Wenn man da noch ein wenig gehandelt hätte…Nach dem 18. Geburtstag und dem Abschied vom Kreidler Mokick stand fest: Es soll eine Honda werden. Ein paar Straßen weiter wurde dieses Modell angeboten. Aber nach der Probefahrt war klar: Zu klein, zu schwach. Heute dürfen 16-jährige sowas fahren.Die Honda CB 250 G fuhr eine Schulfreundin. Mit Ihren hochgezogenen Auspufftöpfen und dem 6-Gang-Getriebe unterschied sie sich von der K-Baureihe.In dieser Lackierung und mit dem bei uns sehr seltenen 350er-Motor drin könnte ich schwach werden.Ebenfalls sehr selten. Und der Preis angesichts des Zustands eigentlich ganz ok. Aber auch hier ist die 350er- Variante mit ihrem Vierventilkopf reizvoller.Everybody’s Darling. Die Yamaha SR 500 ist massenhaft verkauft worden und wurde sehr lange gebaut. Noch vor einigen Jahren stand sie an jeder Straßenecke und fand sich auch reichlich auf der Veterama. Und dann plötzlich schien es, als wäre sie schlagartig verschwunden. Diese hier war das einzige Exemplar, das ich auf der Veterama gesichtet habe.
In Sachen Renntechnik war diesmal nichts los. Weder Fahrzeuge, noch Händler, kaum Angebot. Immerhin hatte die DHM in der Halle einen Stand. Einem interessierten, der mit einer BMW R45 im nächsten Jahr einsteigen möchte, konnte keiner seine Fragen beantworten, weshalb ich mich dann einige Zeit mit ihm unterhielt. Mal sehen, ob man sich wieder begegnet.
Immerhin: Eine Norton Manx mit einiger Patina wurde angeboten. Auf der Verkleidung der patinierten Maschine prangte der Schriftzug „Beebee Racing“. Durchaus möglich, dass es sich um ein historisch interessantes Exemplar gehandelt hat, denn Anfang der 60er gingen Norton Manx Renner unter diesem Label auf der Isle of Man an den Start.
Kleines, sehr seltenes, zweitaktendes Renngerät war sparsam im Angebot.Auch Malanca kennen nur wenige.Begeistert mich noch immer: Die Norton Manx. Sie steht für eine interessante Epoche im Rennsport. Dieses Exemplar scheint einen Interessenten gefunden zu haben, immerhin wurde sie gestartet und kurz gefahren. Diese großen, alten Rennsingles zu hören, ist immer ein Erlebnis.
Mal sehen, ob Alois und ich noch unseren 25. Veterama-Besuch feiern, und was aus ihr wird, wenn die Baby-Boomer langsam aussteigen…