Film & Foto

Aus dem Familienarchiv (2)

Jeder moderne Kleinwagen hat heute mehr Digitaltechnik in sich, als die Mondlandefähre 1969. Und die Entwicklung geht rasant weiter. Umso interessanter finde ich den Blick zurück auf alte Fotos aus dem Familienalbum, zumal er deutlich macht, mit wie wenig bescheidenem Wohlstand die Kriegskindergeneration Anfang der fünfziger Jahre gestartet ist. Ein solcher Blick könnte manche Unzufriedenheit in den heute oft geführten Neid-Debatten etwas relativieren. Womit ich keinesfalls die massive Zunahme extremen Reichtums einiger weniger und die daraus fast immer resultierende Bedrohung von demokratischen Gesellschaften unserer Zeit verharmlosen möchte.

Armin

Im Beitrag „Mobilität – Die Anfänge“ habe ich schon einige Fotos aus der Nachkriegszeit gezeigt. Schon wenige Jahre nach Kriegsende hat sich die inzwischen erwachsene Generation der Kriegskinder wieder auf den Weg gemacht. Zunächst in der näheren Umgebung, dann hat der Süden immer mehr gelockt.

Mit der ersten Lambretta und dem Zelt ging es an den Ebnisee im Welzheimer Wald.
Zelte waren damals tatsächlich noch aus Zeltleinwand, was sie schwer machte. Der NSU-Lizenzbau-Roller musste also bei zwei Personen mit Campinggepäck an den Steigungen ordentlich ackern.
Was heute Club-T-Shirts mit entsprechendem Aufdruck sind, war damals wohl die Lambretta-Club-Krawatte.

Die erste Roller-Reise meiner Eltern ging gemeinsam mit einem befreundeten Paar nach Straßburg. Ich erinnere mich an eine Anekdote dieser Reise, über die sich mein Vater noch viele Jahre später amüsiert hat. Auf der Campingwiese gab es einen Bereich, der durch ein Schild gekennzeichnet war, und wo kein Zelt stand. Sein Freund, angehender Lehrer, hatte französisch gelernt, und meinte auf dem Schild stehe nichts Wichtiges. Offenbar waren die Französisch-Kenntnisse aber nicht so toll, denn das Schild wies darauf hin, dass dahinter keine Campingfläche mehr war. Vielmehr wurde dieser Bereich als Übungsfläche für die örtliche Feuerwehr genutzt. Und wie es der Zufall wollte, rückte diese prompt zu einer Übung an, und machte sich einen Spaß daraus, die Camper weg zu spritzen.

Manchmal ist es von Vorteil, die Landessprache zu beherrschen, und Schilder zu lesen…

Es sollte nicht das einzige ‚feuchte‘ Erlebnis auf dieser Reise werden, wie mir meine Mutter mal lachend erzählte. Die Rückreise führte zum Bodensee, der aufgesuchte Campingplatz war recht voll. Aber ganz vorne, direkt am Seeufer gab es zur Verwunderung der Lambretta-Besatzungen noch freie Plätze, auf denen natürlich prompt das Zelt aufgestellt wurde. Irgendwann nachts wurde meine Mutter von einem leichten Schaukeln wach: Die Luftmatratze schwamm schon im knöcheltiefen Wasser, der See war wie in den Wetterwarnungen vorhergesagt über die Ufer getreten. Und die beiden Lambrettas standen so tief im Wasser, dass sie erst mal nicht mehr ansprangen.

Bilder, wie man sie heute nur noch selten sieht. Wohnmobilstaus auf Urlaubsrouten sind heute weitaus öfter anzutreffen.

Die nächste Reise führte mit einem anderen befreundeten Paar schon an den Gardasee. Der Fiat 600 ist vermutlich ein früher Fiat Jagst, ein Lizenzbau unter dem NSU-Label. Der wurde ab 1956 in Heilbronn gebaut, und trägt noch ein schwarzes Besatzungszonen-Kennzeichen, die es nur bis 1956 gab.

Mit vier Erwachsenen und Camping-Gepäck dürfte der kleine Fiat in den Alpen ordentlich gefordert gewesen sein…
…zumal es über die Tremola, die alte Gotthard-Passstraße ging. Damals gab es in Europa noch grundsätzlich Ausweiskontrollen an den Grenzen, was öfter zu Staus und Wartezeiten führte.

Heute schwer vorstellbar: Gefahren wurde in Anzug und Krawatte, obwohl man im Zelt campierte. Und Obwohl ich durch meine Motorradreisen einige Übung im kompakten Packen habe, frage ich mich, wie vier Erwachsene mit Campingausrüstung in den kleinen Fiat passten.

Zwei Leinwand-Zelte für zwei Paare plus diverse Sonnensegel und was man sonst noch so braucht…
Tankstellen bestanden zu der Zeit oft nur aus zwei, drei Zapfsäulen am Straßenrand.
Eine Hotelübernachtung am Gardasee dürfte schon damals weit außer Reichweite für die allermeisten jungen Reisenden gewesen sein. Das Hotel gibt es tatsächlich noch. Leider ist die alte Bausubstanz aber einem Neubau gewichen.

Die Lambretta wurde bald durch eine Isetta abgelöst, und meine Eltern machten sich mit der „Knutschkugel“ bald schon alleine wieder auf den Weg zum Gardasee.

Pause für die Isetta und ihre Besatzung.
Das BRD-Kennzeichen an der Isetta ist der Beleg dafür, dass diese Reise wohl 1957 stattfand. Auf älteren Fotos trägt sie noch das schwarze Besatzungskennzeichen.

1958 hatten dann die Freunde meiner Eltern den Fiat verkauft, und fuhren einen topmodernen Opel Rekord. Die Isetta blieb zuhause, und man reiste zu viert relativ luxuriös in dem für damalige Verhältnisse geräumigen Rüsselsheimer nach Rimini. Es sollte endlich bis ans Mittelmeer gehen.

Vermutlich ist das der Grenzübergang nach Italien auf der alten Brenner-Passstraße.
Passkontrolle an der Grenze.
Eine Alpenüberquerung war 1958 durchaus noch etwas Besonderes, und der regelmäßige Blick auf die Landkarte notwendiger Standard.

Ich erinnere mich gut an den Opel, denn er war auch sieben Jahre später noch im Dienst, nur dass dann drei Jungs auf der Rückbank saßen. Und ich saß im neueren Modell meiner Eltern ebenfalls auf der Rückbank bei meiner ersten Reise ans Meer.

Ein Dreizylinder-Zweitakter, ein DKW Junior, erklimmt die Passstraße. Damals ein top-aktuelles Design und ein sportliches Auto. Ich habe seit Jahrzehnten keinen mehr gesehen.
Und endlich ist der Campingplatz am Meer erreicht. Flugreisende von heute können sich gar nicht mehr vorstellen, welches Abenteuer eine solche Italienfahrt in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts noch war.

Die Isetta musste 1959 gehen, weil ich kam, und die kleine Familie erweiterte. Den Unterhalt für Kind und Auto konnten meine Eltern erst mal nicht stemmen. Mir sollte es im Studium nach der Geburt meiner Tochter 25 Jahre später nicht anders gehen, manche Dinge scheinen sich nie zu ändern. Also kam damals wieder eine Lambretta her, die mit einem Kindersitz ‚ausgebaut‘ wurde. Ihr folgte ein Gogomobil, in dem ich meinen ersten Unfall erlebte. Leider gibt es kein Foto davon, aber es taucht mal kurz auf einem 8-mm-Film auf. Auch die Opel Rekord und ihre Nachfolger sind auf 8-mm-Film erhalten.

Zelten direkt am Meer.
Diesen Fahrzeugbestand würde heute jedes Museum mit Kusshand nehmen. Ganz hinten keimt schon erster echter Luxus auf: Zwei Wohnwagen. Bis meine Eltern sich einen Wohnwagen und eine geeignete Zugmaschine leisten konnten, sollten noch 15 Jahre vergehen. Aber dieser Wohnwagen ist dafür bis heute in der Familie geblieben.