Film & Foto

Zeitzeugen und Dokumentarfotografie

Tatsächlich habe ich mal für kurze Zeit darüber nachgedacht, Journalismus und/oder Pressefotografie als Berufsziel anzusteuern, denn die Macht der Worte und Bilder war mir schon früh klar. Heute bin ich froh, diese Idee wieder verworfen und mir so ein schönes Hobby erhalten zu haben. Politisch engagiert habe ich mich dann nicht vom Schreibtisch aus, sondern da wo ich konkret handeln konnte, und eine direkte Wirkung gespürt habe. Und spannend ist, welche Aktualität die Themen von damals auch heute wieder, oder besser noch haben.

Armin

Auch mein Großvater und mein Vater waren politisch interessierte Menschen. Mein Großvater hat sein Engagement gegen den Nationalsozialismus mit Verhaftung und KZ-Haft bezahlt, mein Vater wurde nach dem dritten Reich von immer noch tätigen braunen Lehrern vom Gymnasium gemobbt. Tatsächlich durfte ich noch einen Lehrer aushalten, den schon mein Vater ertragen musste. Trotzdem hat es für Abi und Studium gereicht.

Mein Großvater (4. V. links) in französischer Kriegsgefangenschaft, nachdem er KZ-Haft und Wehrmachtseinsatz überlebt hatte. Die Buchstaben ‚PW‘ oder ‚PG‘ auf den Hosenbeinen stehen für ‚Prisoner of War‘ oder ‚Prisonnier de Guerre‘.

Das

Das Jugendzentrum Backnang ist das älteste noch in Selbstverwaltung existierende Jugendzentrum Deutschland. Für mich ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung meiner demokratischen Gesinnung und Toleranz.

Die alte Juze-Baracke.

Letztendlich bin ich vor allem durch die Wehrpflicht zum politischen Interesse und Engagement gekommen. Die wahnwitzige atomare Rüstungsspirale hat Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger der deutschen Friedensbewegung unheimlich viel Auftrieb gegeben und auch mich zum Handeln gebracht. Und natürlich war meistens die Kamera dabei. Vor einiger Zeit hat einer meiner früheren Vorgesetzten von diesen Fotos erfahren, und war der Meinung solches Material sei ein Stück deutsche Geschichte. Und da er ehrenamtlich das Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt, sind sie dort dann auch gelandet. Einige davon möchte ich hier zeigen.

Wie in vielen Städten gab es auch in Backnang Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Friedensdemos. Was klein anfing sollte letztendlich 500 000 Demonstranten nach Bonn bringen.

Und in Backnang war der Schreck groß, als 1981 ein Pershing-Transport, also eine Rakete mit Atomsprengkopf auf einer der kleinen Straßen bei Sechselberg in Flammen aufging. Dass dies nicht wie behauptet ein unwahrscheinlicher Einzelfall war, zeigte ein zweiter Unfall 1985 in Heilbronn, bei dem drei US-Soldaten starben.

Und in Backnang war der Schreck groß, als 1981 ein Pershing-Transport, also eine Rakete mit Atomsprengkopf auf einer der kleinen Straßen bei Sechselberg in Flammen aufging. Dass dies nicht wie behauptet ein unwahrscheinlicher Einzelfall war, zeigte ein zweiter Unfall 1985 in Heilbronn, bei dem drei US-Soldaten starben.

Es war auch die Zeit der Hausbesetzungen als Folge der Wohnungsnot und der Platzbesetzungen gegen irre Bauprojekte. Letzteres hatten die Badischen Bauern auf dem Gelände des geplanten AKW in Wyhl vorgemacht. Whyl wurde nie gebaut.

Am Flughafen Frankfurt sollten Millionen von Bäumen für eine weiter Startbahn gefällt werden. Und dass diese Startbahn nicht nach Vorgaben für den zivilen Luftverkehr, sondern nach denen für schwere Militär-Transportmaschinen gebaut wurde, war kein Zufall. Die Nato, insbesondere die Amerikaner rüsteten massiv auf, um den Warschauer Pakt in die Knie zu zwingen. Tatsächlich war Jahre später bei den Irak-Kriegen der Amerikaner der Frankfurter Flughafen mit der US-Airbase das entscheidende Nachschub-Drehkreuz. Das Thema Startbahn West hier weiter zu erörtern, würde den Rahmen sprengen, ich lasse die Bilder sprechen.

Auf dem Weg zur Platzbesetzung.
Hier soll bald die Kettensäge angesetzt werden.
Machtbesessenheit und Sturheit des SPD-Ministerpräsidenten Börner brachte die Grünen in den Landtag.
Wer ein Gelände besetzt halten will, braucht ein Dach über dem Kopf.
Im Hintergrund mein jägergrüner VW Variant. Für 300 DM mit einem Jahr TÜV gekauft, leistete er Schwerstarbeit beim Materialtransport.
Werkzeug wurde mitgebracht.
Innerhalb eines Tages wurde mit Bruchholz aus dem Wald eine Hütte hochgezogen.
Es war Winter und kalt, aber passend gekleidet und immer in Bewegung konnte ich das ganz gut aushalten.
Die Fenster stammten von einem Abrisshaus, den Ofen hatte irgendwer aus einem Keller organisiert. Der Kamin raucht, aber trotzdem schliefen wir in der Nacht im Auto. Die Wärme ließ das Eis von den Hölzern tropfen, so dass es in der Hütte erst mal ‚regnete‘.
Am Wochenende machten die Menschen aus der Region bei jedem Wetter einen ‚Waldspaziergang‘.
Die Beschriftung auf dem Bauzaun warnte Spaziergänger davor…
…dass man dabei auch nass werden konnte.
Nachdem das erste Hüttendorf geräumt wurde, entstand schnell der Wiederaufbau.
Die Platzbesetzer waren dem Größten Teil der Bevölkerung im Thema Umweltbewusstsein deutlich voraus.
Flugzeug-Gangways wurden hinter dem Bauzaun postiert, und mit Wasserwerfer-Kanonen bestückt.
Aus dem Hüttendorf kommt Widerstand mit kreativen Mitteln.
Wirklich gefürchtet waren die nächtlichen Ausfälle der Polizisten. Insbesondere dann, wenn sie in Zivil mit Vierkanthölzern unterwegs waren. Und Fotografieren barg stets besondere Risiken.
‚Mauerspechte‘ benutzten kleine Baumstämme als Rammbock.
Und tatsächlich brachen die Betonstäbe erstaunlich schnell.
Reparatur mit Doppel-T-Trägern.
Auch dieses Hüttendorf wurde niedergemacht.
Tausende waren in den Wald gekommen, um das zu verhindern.
Die Polizei hatte Zufahrten durch sandgefüllte Container blockiert, was zum Problem für Rettungswagen wurde. Also haben viele Hände die Container kurzerhand umgekippt.
Etliche besetzten Bäume.
Die Staatsmacht sammelt sich.
Man versucht mit ihnen zu reden…
Viel los heut im Flörsheimer Wald.
Sanitäter mit Helm und Brillen gegen Tränengas. Kurz vorher war ein Sanitäter von Beamten so verprügelt worden, dass er schwere Kopfverletzungen davon trug. Nachdem das Rote Kreuz von seiner Führung die Order bekommen hatte, nicht auszurücken, kaperten Zivildienstleistende kurzerhand einen Zug Rettungsfahrzeuge, um die Verletzten zu versorgen und die Sanitäter der Bürgerinitiative zu unterstützen. Heute unvorstellbar?
Verstärkung rückt an.
Passiert gleich was?
Zum Wegtragen sind’s zu viele. Gegen die ständigen Prügel tragen sie inzwischen Helme. Hier kommen keine Wasserwerfer durch, also kommt Tränengas zum Einsatz.
Noch ein Thema der Siebziger und Achtziger, das Tausende auf die Straße gebracht hat: Kernenergie. Hier der Reaktor vor meiner damaligen Haustür, Neckarwestheim.
Verwöhnt vom Motorrad hatte ich schon länger nicht mehr auf dem Fahrrad gesessen. Trotzdem sind wir aus dem Stand an einem recht heißen Tag im Mai aus dem Stand 70 km für die Fahrradsternfahrt geradelt.
Pause irgendwo auf dem Weg. Für Mai war es wirklich außergewöhnlich heiß.
Großdemo gegen das AKW in Heilbronn im Januar, wir hatten noch Schnee und Regen, was deutlich unangenehmer war.
Ähnlich wie in Wyhl waren viele Landwirte und Weinbauern mit Traktoren dabei.
Die Fahne des Juze Backnang…
…das natürlich auch gut vertreten war. Was ich damals nicht wusste: Auch der Großvater von Frank (2. V. links) war im KZ Ulm / Oberer Kuhberg inhaftiert.

1982 machte eine kleine friedensbewegte Gruppe auf der schwäbischen Alb in Großengstingen vor, was ein Jahr später als die bekannteste Blockade eines Militärstandortes in diesen Jahren Geschichte schreiben sollte.

Die Friedensgruppe Backnang aktiv vor Ort.

Mutlangen: Den Vorlauf machten einige Dutzend Blockierer in den Ostertagen 1983, die für ein paar Stunden eine Menschenkette mit Sitzblockade organisierten.

Noch war das Medieninteresse überschaubar, und keiner von uns hätte erwartet, welche Dimension das Thema bekommen sollte.

Rund tausend Aktivisten der Friedensbewegung fanden sich in Bezugsgruppen organisiert in einem vierwöchigen Zeltlager zusammen, um eine dreitägige Blockade des Pershing-Standorts Mutlangen nahe Schwäbisch Gmünd zu organisieren.

Die Teilnehmer trafen alle Entscheidungen basisdemokratisch in ihren Bezugsgruppen, und dann im Sprecherrat.
Um für die große Zahl der Teilnehmer und ihren Sprecherrat einen wetterunabhängigen Platz herzustellen, wurde unter Anleitung eines Zeltmeisters ein großes Veranstaltungszelt aufgebaut.
War dem Zeltmeister anfangs noch eine gewisse Skepsis bezüglich seiner Aufbauhelfer anzumerken, zeigte er sich später beeindruckt davon, wie zügig angepackt wurde, und wie alle gemeinsam den Aufbau in kurzer Zeit erledigten.
Der Sprecherrat tagt im großen Zelt.

Das Camp war für vier Wochen ein Lehrstück in Sachen Demokratie, Solidarität und gewaltfreier Aktion. Bis heute gehören diese vier Wochen zu den beeindruckendsten und lehrreichsten Erlebnissen in meinem Leben. Die ‚Spielregeln‘ bekam jeder Teilnehmer in einer sorgfältig zusammengestellten Broschüre an die Hand.

Gewaltfreies Training: Die zu erwartende Räumung der Blockade wird trainiert, jeder Teilnehmer muss lernen, sich unter Kontrolle zu halten. Dritte von links, sitzend in Weiß, ist Inge Aicher-Scholl, die kleine Schwester der Geschwister Scholl. Sie war Mitgründerin der Gedenkstätte KZ Ulm Oberer Kuhberg.
Das ‚Räumkommando der Bereitschaftspolizei‘ rückt an.
Hier wird Lukas Beckmann, damals Pressesprecher der Bundes-Grünen weggetragen. Links die Kasten-Ente, die den Pershing-Transporter simulierte.
Das Medieninteresse war riesig, denn am Blockadetag nahmen 150 Prominente teil, unter Ihnen Heinrich Böll, Günter Grass, Erhard Eppler, Petra Kelly, Gert Bastian, Dietmar Schönherr, Walter Jens, Dieter Hildebrand, Helmut Gollwitzer, Robert Jungk, Heinrich Albertz und Wolf Biermann.
Im Handumdrehen entstand ein Lehmofen zum Brotbacken.
Eine Teilnehmerin brachte ihr Pferd mit. Fast tägliche Ausritte waren eine nette Abwechslung für mich.

Es gab auch immer wieder interessante Auftritte im kleinen Zirkuszelt. Als besonders beeindruckend ist mir ein Auftritt von Frieder Nögge in Erinnerung geblieben.

Ein kleines Zirkuszelt diente dem abendlichen Kultur-Programm.
An einem Tag fegte ein heftiger Sturm über das Camp, dem etliche Zelte nicht standhielten.

Die politisch Verantwortlichen ließen an den drei Blockadetagen anders als bei der Blockade in Bitburg nicht räumen. Man wollte der anwesenden Weltpresse nicht das Schauspiel bieten, wie deutsche Polizisten einen Nobelpreisträger namens Heinrich Böll von der Straße schleppen.

Zum Jahresende hin kam es in Mutlangen immer wieder zu spontanen Blockade-Aktion. Es war im Dezember, als ich bei Schnee, eisigem Wind und minus 18 Grad daran teilnahm. Alle 45 Minuten gingen wir in eine alte Scheune, die man uns zur Verfügung gestellt hatte, und wo wir schon im Sommer ein kleines Pressezentrum mit Telefonanschlüssen unf Ofen eingerichtet hatten.

Diesmal wurde geräumt. Mein daraus daraus resultierende Verfahren wegen ‚Nötigung‘ sollte sich über zehn Jahre bis vor das Verfassungsgericht hinziehen, und mit einem Freispruch enden.

Minus 18 Grad. Bloß nicht aufgeben…

Inzwischen lebte ich in Köln, da hatte mich die ZVS zum Pädagogik-Studium hingeschickt. Auch hier kam es zu entsprechenden Aktionen, u. a. zu einer Blockade eines Marschflugkörper-Stützpunktes der Bundeswehr in Marienheide.

Friedensbewegte Studenten in Marienheide. Ganz links der Autor auf der Honda.

Und natürlich rückten im Studenten-Milieu zwangsläufig auch andere Themen in meinen Fokus. Nicht nur, dass immense Summen in die Rüstung flossen, während zahlreiche Kommilitonen nach dem Lehramtsstudium keinen Job bekamen, es wurde auch an der Uni gespart. Natürlich löste das Protest aus.

Bildung oder Rüstung. Bekommen wir auch diesen Konflikt wieder?
Sitzstreik vor dem Uni-Hauptgebäude.

Mit der Berufswahl verlagerte sich mein Engagement auf sozialpolitische Themen. Tätigkeiten im sozialen Brennpunkt und mit Randgruppen boten reichlich Möglichkeit, durch berufliches Handeln konkreten und positiven Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen.

Aber seit dem Wechsel in den Unruhestand werden oben beschriebene Themen wieder aktuell: Wie sich positionieren zu der aktuellen Rüstungsdebatte? Muss man wegen der Energiefrage wider besseres Wissen angesichts der Katastrophen von Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima und der nach wie vor ungeklärten Endlagerfrage tatsächlich erneut das Thema Atomkraft nochmal diskutieren, oder steckt da (wie schon mal) eigentlich die Frage atomarer Bewaffnung dahinter?

2025 Mahnwache der Aktion „Demokratie!“ in Siegburg vor der Bundestagswahl.

Als ich 1980 auf die sich entwickelnde rechtsradikale Jugend hinwies, wurde ich von unserer Elterngeneration ausgelacht. Sie betrachteten das Thema als erledigt, auch Politiker interessierte das Thema nicht. Die Ereignisse von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Solingen, die NSU-Morde, der Mord an Walter Lübcke, die Morde in Hanau, nichts davon erzeugte in der Politik echte Veränderung. Stattdessen wird in der größten deutschen Volkspartei das Fallen der ‚Brandmauer‘ ersehnt. Dem Trugschluss rechtsradikale durch ‚politische Umarmung‘ in einer Koalition zu entschärfen, ist die konservative deutsche Mitte schon einmal erlegen. Muss es wirklich erst einen Ministerpräsidenten Höcke geben?

Es verstaubte in meinem Bücherregal, dieses Buch wollte 1980 keiner lesen.

Jeder ist in dieser Welt, in diesem Leben gefragt, für sich zu klären, wo er steht. Sich heraushalten ist keine Option. Schweigen ist stille Zustimmung und bedeutet Mitverantwortung und Mitschuld.