Auch mein Großvater und mein Vater waren politisch interessierte Menschen. Mein Großvater hat sein Engagement gegen den Nationalsozialismus mit Verhaftung und KZ-Haft bezahlt, mein Vater wurde nach dem dritten Reich von immer noch tätigen braunen Lehrern vom Gymnasium gemobbt. Tatsächlich durfte ich noch einen Lehrer aushalten, den schon mein Vater ertragen musste. Trotzdem hat es für Abi und Studium gereicht.

Das
Das Jugendzentrum Backnang ist das älteste noch in Selbstverwaltung existierende Jugendzentrum Deutschland. Für mich ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung meiner demokratischen Gesinnung und Toleranz.

Letztendlich bin ich vor allem durch die Wehrpflicht zum politischen Interesse und Engagement gekommen. Die wahnwitzige atomare Rüstungsspirale hat Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger der deutschen Friedensbewegung unheimlich viel Auftrieb gegeben und auch mich zum Handeln gebracht. Und natürlich war meistens die Kamera dabei. Vor einiger Zeit hat einer meiner früheren Vorgesetzten von diesen Fotos erfahren, und war der Meinung solches Material sei ein Stück deutsche Geschichte. Und da er ehrenamtlich das Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt, sind sie dort dann auch gelandet. Einige davon möchte ich hier zeigen.


Und in Backnang war der Schreck groß, als 1981 ein Pershing-Transport, also eine Rakete mit Atomsprengkopf auf einer der kleinen Straßen bei Sechselberg in Flammen aufging. Dass dies nicht wie behauptet ein unwahrscheinlicher Einzelfall war, zeigte ein zweiter Unfall 1985 in Heilbronn, bei dem drei US-Soldaten starben.

Es war auch die Zeit der Hausbesetzungen als Folge der Wohnungsnot und der Platzbesetzungen gegen irre Bauprojekte. Letzteres hatten die Badischen Bauern auf dem Gelände des geplanten AKW in Wyhl vorgemacht. Whyl wurde nie gebaut.

Am Flughafen Frankfurt sollten Millionen von Bäumen für eine weiter Startbahn gefällt werden. Und dass diese Startbahn nicht nach Vorgaben für den zivilen Luftverkehr, sondern nach denen für schwere Militär-Transportmaschinen gebaut wurde, war kein Zufall. Die Nato, insbesondere die Amerikaner rüsteten massiv auf, um den Warschauer Pakt in die Knie zu zwingen. Tatsächlich war Jahre später bei den Irak-Kriegen der Amerikaner der Frankfurter Flughafen mit der US-Airbase das entscheidende Nachschub-Drehkreuz. Das Thema Startbahn West hier weiter zu erörtern, würde den Rahmen sprengen, ich lasse die Bilder sprechen.

























































1982 machte eine kleine friedensbewegte Gruppe auf der schwäbischen Alb in Großengstingen vor, was ein Jahr später als die bekannteste Blockade eines Militärstandortes in diesen Jahren Geschichte schreiben sollte.


Mutlangen: Den Vorlauf machten einige Dutzend Blockierer in den Ostertagen 1983, die für ein paar Stunden eine Menschenkette mit Sitzblockade organisierten.



Rund tausend Aktivisten der Friedensbewegung fanden sich in Bezugsgruppen organisiert in einem vierwöchigen Zeltlager zusammen, um eine dreitägige Blockade des Pershing-Standorts Mutlangen nahe Schwäbisch Gmünd zu organisieren.










Das Camp war für vier Wochen ein Lehrstück in Sachen Demokratie, Solidarität und gewaltfreier Aktion. Bis heute gehören diese vier Wochen zu den beeindruckendsten und lehrreichsten Erlebnissen in meinem Leben. Die ‚Spielregeln‘ bekam jeder Teilnehmer in einer sorgfältig zusammengestellten Broschüre an die Hand.









Es gab auch immer wieder interessante Auftritte im kleinen Zirkuszelt. Als besonders beeindruckend ist mir ein Auftritt von Frieder Nögge in Erinnerung geblieben.



Die politisch Verantwortlichen ließen an den drei Blockadetagen anders als bei der Blockade in Bitburg nicht räumen. Man wollte der anwesenden Weltpresse nicht das Schauspiel bieten, wie deutsche Polizisten einen Nobelpreisträger namens Heinrich Böll von der Straße schleppen.


Zum Jahresende hin kam es in Mutlangen immer wieder zu spontanen Blockade-Aktion. Es war im Dezember, als ich bei Schnee, eisigem Wind und minus 18 Grad daran teilnahm. Alle 45 Minuten gingen wir in eine alte Scheune, die man uns zur Verfügung gestellt hatte, und wo wir schon im Sommer ein kleines Pressezentrum mit Telefonanschlüssen unf Ofen eingerichtet hatten.

Diesmal wurde geräumt. Mein daraus daraus resultierende Verfahren wegen ‚Nötigung‘ sollte sich über zehn Jahre bis vor das Verfassungsgericht hinziehen, und mit einem Freispruch enden.

Inzwischen lebte ich in Köln, da hatte mich die ZVS zum Pädagogik-Studium hingeschickt. Auch hier kam es zu entsprechenden Aktionen, u. a. zu einer Blockade eines Marschflugkörper-Stützpunktes der Bundeswehr in Marienheide.

Und natürlich rückten im Studenten-Milieu zwangsläufig auch andere Themen in meinen Fokus. Nicht nur, dass immense Summen in die Rüstung flossen, während zahlreiche Kommilitonen nach dem Lehramtsstudium keinen Job bekamen, es wurde auch an der Uni gespart. Natürlich löste das Protest aus.


Mit der Berufswahl verlagerte sich mein Engagement auf sozialpolitische Themen. Tätigkeiten im sozialen Brennpunkt und mit Randgruppen boten reichlich Möglichkeit, durch berufliches Handeln konkreten und positiven Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen.
Aber seit dem Wechsel in den Unruhestand werden oben beschriebene Themen wieder aktuell: Wie sich positionieren zu der aktuellen Rüstungsdebatte? Muss man wegen der Energiefrage wider besseres Wissen angesichts der Katastrophen von Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima und der nach wie vor ungeklärten Endlagerfrage tatsächlich erneut das Thema Atomkraft nochmal diskutieren, oder steckt da (wie schon mal) eigentlich die Frage atomarer Bewaffnung dahinter?

Als ich 1980 auf die sich entwickelnde rechtsradikale Jugend hinwies, wurde ich von unserer Elterngeneration ausgelacht. Sie betrachteten das Thema als erledigt, auch Politiker interessierte das Thema nicht. Die Ereignisse von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Solingen, die NSU-Morde, der Mord an Walter Lübcke, die Morde in Hanau, nichts davon erzeugte in der Politik echte Veränderung. Stattdessen wird in der größten deutschen Volkspartei das Fallen der ‚Brandmauer‘ ersehnt. Dem Trugschluss rechtsradikale durch ‚politische Umarmung‘ in einer Koalition zu entschärfen, ist die konservative deutsche Mitte schon einmal erlegen. Muss es wirklich erst einen Ministerpräsidenten Höcke geben?

Jeder ist in dieser Welt, in diesem Leben gefragt, für sich zu klären, wo er steht. Sich heraushalten ist keine Option. Schweigen ist stille Zustimmung und bedeutet Mitverantwortung und Mitschuld.

