Motorrad

Dornröschen

Und wieder ist etwas aus den Tiefen eines Archivs aufgetaucht. Bei einem Besuch bei meinem langjährigen Freund Albert haben wir ein wenig in seinen Fotoalben gestöbert. Tatsächlich sind da Fotos aufgetaucht, die ich nicht kannte. Auch solche, die ich mal selbst geschossen habe, aber leider Abzüge und Negative vermasselt hab.

Armin

Das schwelgen in Erinnerungen der beiden alten Männer beim Blättern in den Alben hat viel Gelächter ausgelöst. Man erinnert sich an so manchen Blödsinn, den man gemacht hat, aber auch an unvergessliche Erlebnisse. So zum Beispiel unsere gemeinsame Tour über mehrere Wochen durch Wales, Schottland und Irland (siehe Aufmacherfoto). Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, und wir reisten einfach, bis das Geld alle war. Ich glaube freier habe ich mich in meinem Leben nie gefühlt.

Der Autor mit der 400 FOUR irgendwo auf einer der ganz kleinen Landstraßen auf dem Weg nach Schottland. (Foto: Albert M.)

Einige Jahre zuvor, bei einer meiner Irland-Reisen, benötigte ich nach einem Sturz dringend Ersatzteile. Wir bekamen dann das Angebot im Hof einer Werkstatt aus einer Schlachtmaschine die benötigten Teile auszubauen. Werkstätten dieser Art sind heute kaum noch vorstellbar.

Es ist zwar nicht die betreffende Werkstatt, aber in den Neunzigern sahen viele irischen Werkstätten so aus, wie diese hier. Immerhin konnten wir mit dem Material die Honda für die Rückreise wieder flott machen. (Foto: Albert M.)

Auch Albert hat etliche Trips nach Irland unternommen. Die Tiger war ein wirklich feines und zuverlässiges Fahrzeug dafür.

Bis heute gefällt sie mir gerade in dieser Lackierung. Und mir persönlich gefiel auch immer die Motorcharakteristik der Tiger besser, als die der Bonnie. (Foto: Albert M.)
Für Jahrzehnte ein unzertrennliches Paar. (Foto: Albert M.)

Bei Albert muss die Garage auch als Werkstatt dienen. Aber Platz ist ja bekanntlich in der kleinsten Bude. Beim Blick in die Schrauberhöhle fällt mein Blick natürlich als erstes die Sevenfifty, die als Alltagsmuli herhalten muss. Dahinter die Trident, und daneben, ganz in der Ecke die Tiger. Wie Dornröschen wartet sie darauf, wachgeküsst zu werden.

Blick in die Schrauberhöhle. Hier haben wir vor vielen Jahren manche Schraube zusammen gedreht, und ich einiges von ihm gelernt.

Als sie gut 180 000 km auf der Uhr hatte, hätte eine Komplettüberholung angestanden. Albert hat stattdessen ein ausgesprochen gutes Trident-Angebot angenommen. Aber die Tiger will er nicht abgeben. Wäre auch eine Schande…

Prinz Trident bewacht Dornröschen.

Aber die Tiger ist nicht das einzige Dornröschen. Die Kradisten in meinem Umfeld werden auch alle älter, und mancher denkt über ein leichteres Motorrad nach. Ago spricht in letzter Zeit öfter über leichte englische Einzylinder mit 500 ccm. Er ist sich aber nicht sicher, ob ihm sowas dann auch wirklich zusagt. Und dann ist da noch der Kostenfaktor. Für einen Versuch einen höheren vier- oder gar fünfstelligen Betrag ausgeben? Das können wir uns beide nicht leisten. Also hat er sich erst mal von Bekannten für einen symbolischen Betrag die seit 20 Jahren abgestellte Honda XBR ins Haus geholt. Jetzt ist er erst mal mit dem Sichten und Beheben der üblichen unvermeidlich eintretenden Standschäden beschäftigt, die nach so langer Standzeit nun mal da sind.

Auf den ersten Blick eigentlich ganz gut. Und mit dem Vierventil-Radial-Zylinderkopf durchaus technisch interessant. (Foto: Torsten B.)

Und er erlebt, dass die Teileversorgung auch bei japanischen Alteisen durchaus herausfordernd und kostenträchtig sein kann. Und ich bin plötzlich der, der dem Engländerspezialisten Infos geben muss, ein ungewohnter Rollentausch.

Da habe ich schon Schlimmeres gesehen, sollte machbar sein. (Foto: Torsten B.)

Heute testet er mal das von ihm noch nie eingesetzte elektro-chemische Tank-Entrostungs-Verfahren. Auf seine Frage, was es wohl für seinen Engländer-Spezialisten-Ruf bedeutet, wenn er auf einem Japaner gesichtet wird, habe ich ihm mit dem bekannten Spruch vom ungenierten Leben geantwortet, den auch Wilhelm Busch und Berthold Brecht in ihren Texten schon verwendet haben.

Chemie und Strom rücken dem Rost zu Leibe… (Foto: Torsten B.)