Die meisten von uns leben mit Ihren Familien oder mit ihrem Partner unter einem Dach. Die amtliche Statistik weist für Deutschland eine durchschnittliche Anzahl an Haushaltsmitgliedern von ziemlich genau zwei aus. In Baden-Württemberg sind die Haushalte etwas größer, in Berlin sind sie im Durchschnitt etwas kleiner. Spätestens wenn die Kinder alt genug sind und ausziehen, wird es einsam in den eigenen vier Wänden. Manch einer entscheidet sich dann für ein Haustier, einen Hund, der mit dem Schwanz wedelt oder eine Katze, die einem um die Beine schnurrt, wenn man nach Hause kommt. Aber für uns Petrol-Heads gibt es ja auch noch andere, passende Alternativen: ungewöhnliche Mitbewohner oder Zimmergenossen, mit denen wir reichlich Erinnerungen teilen …

Dritte Generation DKW – von Blutblasen und Schwielen an den Händen
Die Erinnerung, als wir die Luxus Spezial 200 (Baujahr 1928 / 3,5 PS) auf dem Anhänger aus dem Osten holten, vom Spezialisten für Linierungen. Die Übernachtung in einer Monteurs-Pension tief im Osten der Republik. Der gemeinsame Abend vor dem Werkstatt-Termin mit viel zu viel Schirker Feuerstein und reichlich Biker-Jägermeister-Latein in einer Ossi-Kneipe. Die Überreste von der Rückreise, die heute noch an der fast 100 Jahre alten DKW zu sehen sind: Schürfspuren vom Spanngurt am frisch bezogenen Sattel, weil wir die Festzurrerei auf dem Trailer zum ersten Mal selbst praktizierten. In einer Zeit, als man nicht schnell mal bei Youtube nachschlagen konnte, wie das geht. Und dann einige weitere Jahre zurückgedacht: der Moment in den 80ern, kurz vor dem Abitur, als der Motor – provisorisch auf ein selbst gebratenes Stahlgestell geschraubt – die ersten Zündfunken von sich gab. Das blecherne Pött-Pött-Pött, eine Symphonie für die Biker Seele, die blauen Rauchwolken aus dem Zylinder, der giftige Zweitaktqualm ein Wohlgeruch, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Wie ein Familienalbum im Kopf oder ein altes, vergilbtes Schwarz-Weiß-Familienfoto an der Wand, welches die Erinnerungen an jeden Einzelnen darauf für mich konserviert. Da sehe ich meinen Großvater, den alten Bauern, der mit Sicherheit hart arbeiten musste, um sich dieses Luxus Spezial Gut leisten zu können, die damals den Spitznamen „Blutblase“ hatte, wegen ihres knallroten Tanks. Und ich sehe meine Oma im Damensattel, eine stolze Frau, wie sie den Fahrtwind genießt, während der gemeinsamen Ausfahrten mit ihrem Mann. Da sehe ich meinen Vater in schwarz-weiß, wie er als Sechzehnjähriger stolz und mit Lederjacke auf der Maschine seines Vaters sitzt, wahrscheinlich kurz vor einer der streng verbotenen Fahrten durch die angrenzenden Felder.
Familienalbum auf zwei Rädern
Die Gerüche, die Stimmungen, die markanten Sprüche und so mancher alltägliche, aber unvergessene Moment aus dieser Zeit. Ein Erbstück, das mich seit meiner Kindheit begleitet. Eine unverschlossene Truhe, die sich wie von selbst öffnet. Aus der die Erinnerungen heraussprudeln und mir immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern. Eine unerschöpfliche Quelle liebgewonnener Geschichten aus der Vergangenheit, die sich vor mir aufbauen und anfassbar, spürbar, nicht selten sogar riechbar sind. Alles in meinem Kopf. Erinnerungskultur mitten im Wohnzimmer. Die Erinnerungen werden bleiben, denn sie vergilben nicht, bekommen keine Falten wie wir selbst oder wie die Gummiteile unserer Mopeds. Sie sind ein Nachruf, der unausgesprochen bleiben kann, fest eingebaut in dieses Stück Technik, das mehr ist als eine Maschine: ein Stück anfassbarer Familiengeschichte.
