Motorrad

Museumstrip nach Schwabistan

Ich hatte im Januar noch einige Dinge in meiner schwäbischen Heimat zu regeln. Und diesmal habe ich es endlich geschafft, einen Abstecher nach Tübingen zu machen, und das Museum Boxenstop zu besuchen.

Armin

Zuerst aber habe ich mich mit dem Stadtarchivar von Backnang getroffen, um ihm ein paar Unterlagen für die Technik-Sammlung aus dem Nachlass meines Vaters zu bringen. Und weil Dr. Bernhard Trefz sein Büro über eben dieser Technik-Sammlung hat, und der Bruder eines Schulfreundes ist, bekommen Albert und ich eine kleine interessante Privat-Führung.

Die Technik-Sammlung in der alten Kaelble-Halle.
Maschinen aus der Leder-Verarbeitung…
…und der Spinnerei werden ebenso ausgestellt, wie…
…Motoren, Dampfwalzen und LKW der Firma Kaelble.

Backnang blickt auf eine lange (Industrie-)Geschichte zurück, und ist nicht nur einige Zeit die Grablege der Badischen Markgrafen gewesen. Die Halle in der die Technik-Sammlung ausgestellt wird, ist ein ehemaliges Kaelble-Gebäude, gegenüber hat mein Großvater gewohnt, als er noch die überdimensionalen LKW dieses Herstellers gefahren hat.

Meine Eltern und Großeltern Anfang der fünfziger Jahre in der Wohnung gegenüber der Kaelble-Hallen. Nach schwerer Verletzung und Lazarett-Zeit, dem Verlust der halben Familie bei der Bombardierung Heilbronns und einem ersten Nachkriegsjob als Hausmeister der Stadthalle Backnang konnte er endlich wieder seine geliebten Trucks fahren. An seine Vorkriegs-Motorrad-Zeit hat er allerdings nicht mehr angeknüpft. Aber man war modern, es gab schon ein Radio und einen Schwarz-Weiß-Fernseher im Haushalt.

Lange war Backnang Standort großer Lederindustrie, galt als süddeutsche Gerberstadt, und hat u. a. die Firma Harro im Schwarzwald beliefert, die erstklassige Lederkombis für Motorradfahrer gefertigt hat. Die waren allerdings so teuer, dass sie für mich als Schüler unbezahlbar waren. Ein Bekannter aus meiner Motorrad-Clique hat uns damals zwei Häute über seinen im Lederhandel tätigen Vater zum Einkaufs-Preis besorgt, und uns seinen Harro-Kombi geliehen. Ich habe davon Schnittmuster abgenommen und das Leder zugeschnitten. Meine Freundin hat dann auf einer ‚historischen‘ fußbetriebenen Schuster-Nähmaschine, die wir für 100 D-Mark erworben haben, die Kombis genäht.

Die Ausbildung als Technischer Zeichner brachte den gelernten Bau-Elektriker endlich an einen angenehmeren und besser bezahlten Job im Büro. Vier Jahre vor dem Ruhestand musste er noch umlernen: Der PC ersetzte das Zeichenbrett.

Bei AEG-Telefunken hat mein Vater fast sein gesamtes Berufsleben verbracht, war als technischer Zeichner in der Fernmeldekommunikation an der Entwicklung der Ariane-Satelliten beteiligt. Die Spinnerei Adolff lieferte in den Achtzigern den Kunstrasen für die Olympischen Spiele in Moskau, die dann vom Westen boykottiert wurden. Und sogar das Michelin-Männchen, das ursprünglich von einem französischen Karikaturisten entworfen wurde, bekam sein späteres Aussehen wohl von einem Backnanger Designer.

Aber da Backnang außer dem Leder für Harro wenig zum Thema Motorrad beigetragen hat, mache ich mich am anderen Tag mit Albert auf den Weg nach Tübingen. Zu meiner Überraschung ist es ausgesprochen gut besucht, vor allem Familien mit Kindern tummeln sich. Das Museum stellt einen auf den ersten Blick wilden Mix aus Auto- und Motorrad-Oldtimern, sowie historischem Spielzeug wie Eisenbahnen, Puppenstuben usw. aus. Aber es scheint, dass genau dieser Mix das richtige Konzept für Junge Familien ist.

Spielzeugeisenbahnen nehmen viel Raum ein.

Leider finden wir wegen des großen Andrangs keinen Platz im Museumsrestaurant, also machen wir uns auf ins historische Stadtzentrum von Tübingen, das nur wenige Minuten Fußweg entfernt ist. 1976 war ich das letzte Mal in Tübingen, und das auch nur kurz. Wir sind angenehm überrascht, wie lebendig und doch entspannt diese kleine Uni-Stadt ist, und es fällt auf, dass ganz überwiegend junge Menschen die Straßen bevölkern. Nach dem Essen wieder im Boxenstop widme ich mich natürlich besonders den Motorrädern.

Das Boxenstop ist kein großes Museum, aber trotz der begrenzten Räumlichkeiten sind die Ausstellungsstücke gekonnt arrangiert.

Gleich zu Anfang zieht mich eine 500er Linto in ihren Bann. Konstruiert wurde sie von Lino Tonti, und nur in sehr geringen Stückzahlen gebaut. Es ist das erste Original das ich hier sehe, bislang kannte ich sie nur von Fotos. Tonti hat hier 1968 auf Basis zweier 250ccm-Aermacchi-Ala-d’Oro-Motoren einen waschechten Grand-Prix-Renner auf die Räder gestellt.

Faszinierend: Liegender Twin im Gitterrohrrahmen auf Basis zweier Aermacchi-Motoren.
Bereits 1958 hatte Tonti zusammen mit Guiseppe Pattoni die Paton 500 ins Rennen geschickt. Ihr Sound ist ein echter Brüller.

Obwohl das Museum relativ klein ist, und Motorräder nicht die Hauptrolle spielen, wird doch ein sehr interessanter Querschnitt gezeigt. Leider findet sich die von Mike für den Museumsbetreiber Rainer Klink restaurierte Honda CB 400 FOUR nirgendwo, der Schwerpunkt liegt hier eindeutig auf Rennmaschinen.

Auch die Tschechen haben in den fünfziger Jahren heiße Renner gebaut.
Schwäbische Genialität darf hier natürlich nicht fehlen: Mit solch filigranen Rennern von Kreidler konnte man in den 60er und 70er Jahren mehrere Weltmeistertitel holen.
Vor dieser wunderschönen und überraschen schlanken 900er Egli-Vincent blieben Albert und ich eine ganze Weile hängen. Diese Kreation gehört schon sehr lange zu meinen Träumen. Aber dabei wird es angesichts der Preise, die dafür aufgerufen werden, wohl auch bleiben.
Eine Zweitakt-Phalanx die bestimmt nach Martin’s Geschmack wäre.
Hier steht mit der Startnummer 77 die MZ von Mike. Bemerkenswert, was er aus biederer DDR-Serien-Ware gemacht hat.
Ich bin kein Autonarr, aber mit so einem alten Morgan Threewheeler würde ich mich wohl schnell anfreunden.
Nochmal schwäbische Genialität: Porsche. Warum werden eigentlich keine schönen Autos mehr gebaut?

Nach diesem schönen Ausflug mache ich mich anderntags auf den Heimweg, nicht aber ohne die Gelegenheit zu nutzen, und bei Neckarsulm die Autobahn zu verlassen. Ich kenne das Museum aus mehreren Besuchen zwar schon ganz gut, aber im Moment lockt die Sonderausstellung „Made in Italy“.

Noch so ein unerreichbarer Traum: Eine frühe 750er Ducati.
Tatsächlich hat aber Moto Guzzi schon vor Ducati große V-Motoren in Rennmaschinen eingebaut.
Aber Guzzi konnte noch ganz anders: 1955 schickte Guzzi die legendäre Otto Cilindri mit V8-Motor ins Rennen.
Muss man zu MV Agusta noch viel sagen?
Auch Benelli schickte quer eingebaute Vierzylinder erfolgreich ins Rennen. Hier ein frühes Modell…
…mit dem damals üblichen spartanischen Cockpit. Ein Drehzahlmesser genügt, was braucht man mehr? Man beachte, wo der rote Bereich beginnt.
Pate für all diese Vierzylinder-Rennmotoren war der bereits 1949 erfolgreiche Motor von Gilera. Wer so einen Renner mal live gesehen und gehört hat, vergisst das nicht.
Der Zylinderkopf mit zwei oben liegenden Nockenwellen wurde mit 30° Neigung nach vorne in den Rahmen gebaut.
Auch NSU folgte dem Gilera-Vorbild in den Fünfzigern, bekam aber die Schwingungen nicht in den Griff. Kurzerhand wurde die Zylinderkopf-Konstruktion für die NSU Einzylinder übernommen, was letztendlich zum Weltmeister-Titel führte. Und wenn man weiß, dass Soichiro Honda das NSU-Werk zwei Tage lang besichtigt hat, und man den 750-FOUR-Motor ansieht, sind die Parallelen nicht zu übersehen. Ob Toyota wohl später bereut hat, die Bewerbung von Soichiro um eine Ingenieurs-Stelle abgelehnt zu haben?