Zuerst aber habe ich mich mit dem Stadtarchivar von Backnang getroffen, um ihm ein paar Unterlagen für die Technik-Sammlung aus dem Nachlass meines Vaters zu bringen. Und weil Dr. Bernhard Trefz sein Büro über eben dieser Technik-Sammlung hat, und der Bruder eines Schulfreundes ist, bekommen Albert und ich eine kleine interessante Privat-Führung.




Backnang blickt auf eine lange (Industrie-)Geschichte zurück, und ist nicht nur einige Zeit die Grablege der Badischen Markgrafen gewesen. Die Halle in der die Technik-Sammlung ausgestellt wird, ist ein ehemaliges Kaelble-Gebäude, gegenüber hat mein Großvater gewohnt, als er noch die überdimensionalen LKW dieses Herstellers gefahren hat.

Lange war Backnang Standort großer Lederindustrie, galt als süddeutsche Gerberstadt, und hat u. a. die Firma Harro im Schwarzwald beliefert, die erstklassige Lederkombis für Motorradfahrer gefertigt hat. Die waren allerdings so teuer, dass sie für mich als Schüler unbezahlbar waren. Ein Bekannter aus meiner Motorrad-Clique hat uns damals zwei Häute über seinen im Lederhandel tätigen Vater zum Einkaufs-Preis besorgt, und uns seinen Harro-Kombi geliehen. Ich habe davon Schnittmuster abgenommen und das Leder zugeschnitten. Meine Freundin hat dann auf einer ‚historischen‘ fußbetriebenen Schuster-Nähmaschine, die wir für 100 D-Mark erworben haben, die Kombis genäht.

Bei AEG-Telefunken hat mein Vater fast sein gesamtes Berufsleben verbracht, war als technischer Zeichner in der Fernmeldekommunikation an der Entwicklung der Ariane-Satelliten beteiligt. Die Spinnerei Adolff lieferte in den Achtzigern den Kunstrasen für die Olympischen Spiele in Moskau, die dann vom Westen boykottiert wurden. Und sogar das Michelin-Männchen, das ursprünglich von einem französischen Karikaturisten entworfen wurde, bekam sein späteres Aussehen wohl von einem Backnanger Designer.
Aber da Backnang außer dem Leder für Harro wenig zum Thema Motorrad beigetragen hat, mache ich mich am anderen Tag mit Albert auf den Weg nach Tübingen. Zu meiner Überraschung ist es ausgesprochen gut besucht, vor allem Familien mit Kindern tummeln sich. Das Museum stellt einen auf den ersten Blick wilden Mix aus Auto- und Motorrad-Oldtimern, sowie historischem Spielzeug wie Eisenbahnen, Puppenstuben usw. aus. Aber es scheint, dass genau dieser Mix das richtige Konzept für Junge Familien ist.

Leider finden wir wegen des großen Andrangs keinen Platz im Museumsrestaurant, also machen wir uns auf ins historische Stadtzentrum von Tübingen, das nur wenige Minuten Fußweg entfernt ist. 1976 war ich das letzte Mal in Tübingen, und das auch nur kurz. Wir sind angenehm überrascht, wie lebendig und doch entspannt diese kleine Uni-Stadt ist, und es fällt auf, dass ganz überwiegend junge Menschen die Straßen bevölkern. Nach dem Essen wieder im Boxenstop widme ich mich natürlich besonders den Motorrädern.

Gleich zu Anfang zieht mich eine 500er Linto in ihren Bann. Konstruiert wurde sie von Lino Tonti, und nur in sehr geringen Stückzahlen gebaut. Es ist das erste Original das ich hier sehe, bislang kannte ich sie nur von Fotos. Tonti hat hier 1968 auf Basis zweier 250ccm-Aermacchi-Ala-d’Oro-Motoren einen waschechten Grand-Prix-Renner auf die Räder gestellt.


Obwohl das Museum relativ klein ist, und Motorräder nicht die Hauptrolle spielen, wird doch ein sehr interessanter Querschnitt gezeigt. Leider findet sich die von Mike für den Museumsbetreiber Rainer Klink restaurierte Honda CB 400 FOUR nirgendwo, der Schwerpunkt liegt hier eindeutig auf Rennmaschinen.







Nach diesem schönen Ausflug mache ich mich anderntags auf den Heimweg, nicht aber ohne die Gelegenheit zu nutzen, und bei Neckarsulm die Autobahn zu verlassen. Ich kenne das Museum aus mehreren Besuchen zwar schon ganz gut, aber im Moment lockt die Sonderausstellung „Made in Italy“.









