Motorrad

Träume

Immer wieder fallen mir beim Ordnen meines kleinen Archivs interessante Dinge in die Hände. Diesmal habe ich mir nochmal ganz in Ruhe den Ordner mit den Motorrad-Prospekten beginnend in den Siebzigern angesehen. Manchen Prospekt habe ich damals wieder und wieder gewälzt, und ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so ging.

Armin

Mopped- und Motorrad-Prospekte sammeln war damals in unserer Clique bei einigen durchaus angesagt. Gegenseitiges ausleihen auch. Nur manchmal kamen sie dann nicht zurück, was mich damals sehr geärgert hat. Deshalb habe ich meine eine Zeitlang mit meinem Namen gestempelt, worüber ich mich heute tatsächlich noch mehr ärgere.

Werbung mit Rennerfolgen.

Eigentlich war der Motorradboom von den Siebzigern bis in die Achtziger ambivalent. Die Japaner waren zur Marktmacht geworden, die europäischen Hersteller verloren so viel Marktanteile, dass sie fast alle nach und nach in Existenznot kamen. Kreidler, zu meiner Newcomer-Zeit noch Platzhirsch, verschwand schon wenige Jahre später genauso vom Markt wie Maico, Zündapp und Hercules. DKW und NSU hatte dieses Schicksal schon eher getroffen, BMW musste bald ums Überleben kämpfen.

Eigentlich ein ziemlich modernes Motorrad damals. Hatten wir aber nicht auf dem Schirm.
Und solches Renngerät schon gar nicht. Wie hätte man das auch als Schüler finanzieren sollen?

Platzhirsch vor der Disco war ganz klar die Honda CB 750 Four, jedenfalls bei denen, die schon ein halbwegs brauchbares Einkommen hatten. Sehr selten auch mal eine Ducati SS 750 oder 900. Bei Einsteigern hatte schnell die Yamaha RD die Nase vorn, die frühen Baujahre bekam man – fast immer mit M-Lenker – zu erschwinglichen Preisen gebraucht. Die meisten wurden regelrecht verheizt.

Yamaha, Kawasaki und Suzuki waren anfangs noch ganz klar auf Zweitaktmotoren fokussiert, der Trend zum Viertakter kam nach und nach, Umweltbestimmungen wurden strenger.

Dann kam für Deutschland die PS-Klassen-Einstufung bei der Versicherung, und alles über 27 PS wurde exorbitant teuer. Europäische Motorräder waren ebenfalls deutlich teurer, als japanische, so bildeten sich entsprechende Lager. BMW-Fahrer trugen generell schwarzes Leder und verkehrten nicht in unseren ‚Reiskocher‘-Kreisen und rümpften die Nase über unsere Motorräder, was ihnen bei uns ein arrogantes Altherren-Image bescherte. Triumph, lange Zeit zumindest auf dem amerikanischen Markt der Hecht im Karpfenteich kämpfte gegen die höhere Qualität bei niedrigeren Preisen der Japaner an. Zudem machte dem Hersteller das Klammern an Traditionen und der Kampf der Mitarbeiter-Vertretung gegen die Thatcher-Politik das Leben schwer.

Triumph-Werbung im typischen End-Siebziger-Stil. Gefällt mir bis heute. Aber dank dem schlechten Ruf der archaischen Technik für mich damals komplett uninteressant.
Daran änderten auch eine elektronische Zündung und moderne Scheibenbremsen nichts.
Und die Soft-Chopper-Welle in den Achtzigern war dann nur noch peinlich. Das waren Popper-Moppeds…
Dagegen wirkten die Kawasaki-Triples hochmodern. Allerdings galten Sie als extrem in Leistungsabgabe und Fahrbarkeit, und auch als sensibel. Dazu sank der Zweitaktstern ebenfalls schnell.

Kawasaki hatte mit den Dreizylinder-Zweitaktern eine etwas exklusive Sonderstellung, landete dann aber mit Z 900 und bald danach der Z 1000 einen Volltreffer. DOHC-Vierzylinder-Viertaktmotoren, ein ausgesprochen ausgewogenes Design mit anleihen an klassische Linien, aber trotzdem modern und Leistung im Überfluss.

Bis heute ein bildschönes und bei Liebhabern sehr begehrtes Motorrad.
Einige Zeit beschäftigte mich die kleinere Variante, die Z 650, aber auch sie war finanziell unerreichbar.

Bei realistischer Betrachtung musste ich mich zunächst mit der 17-PS-Klasse begnügen. Solide, robuste, zuverlässige 4-taktende Honda-Technik schien mir das sinnvollste. Was nützt schon mehr Leistung, wenn sie einen im Stich lässt?

Die CB 200 wäre genau meine Schuhgröße gewesen. Aber der Neupreis lag außerhalb meines Budgets und gebraucht gab es sie noch nicht.
Schließlich wurde es die CB 125 disc, immerhin schon mit Scheibenbremse, Anlasser und Zweizylinder-Motor.

Letztendlich griff ich zu, als ein Händler mir eine CB 125 Disc mit 12 PS zu einem um fast 30 Prozent reduzierten Preis neu anbot, da er sein Lager räumen wollte. Im folgenden Frühling sollte nämlich das mit 17 PS und Drehmaschinchen ausgestattete Nachfolgemodell kommen. Und ganz ehrlich: Ich mochte dieses Motorrad sofort, auch wenn es ein bisschen schwach auf der Brust war. Aber im Vergleich zum Kreidler-Mokick war es ein Quantensprung.

Auch Honda machte mit Rennerfolgen Werbung...
…und ließ die damit erworbene Erfahrung in die Serie einfließen.

Nach meinem Paris-Trip war klar, dass 17 PS auf Dauer einfach nicht ausreichten. Die Honda CB 750 FOUR war ein unerfüllbarer Traum. Also sah ich mich um, was in der neu etablierten 27-PS-Klasse so angeboten wurde. Die Honda CB 250 K5 oder die 350er-Version hätte mir sehr gut gefallen. Außerdem gab es sie zu bezahlbaren Gebraucht-Preisen. Aber leider lagen sie mit 30 bzw. 33 PS über der bezahlbaren Versicherungsgrenze.

Heute durchaus ein seltenes Sammlerstück: Die Suzuki GT 380, auf 27 PS gedrosselt.

Hein Gerike verramschte gerade zu Schnäppchen-Preisen die Rest-Beständer der zweitaktenden Suzuki GT 360, und tatsächlich dachte ich darüber nach, entschied mich dann aber gegen das blaue Rauchfähnchen. Einfach zu verschleißfreudig und schadensanfällig. Außerdem war mir ein Viertakter auch angenehmer.

Yamaha hatte der RD 250 ein moderneres, kantigeres Design verpasst und sie auf 27 PS gedrosselt.

Yamaha brannte ein regelrechtes Feuerwerk für die neue Versicherungsklasse ab. Schon bald kam eine weitere Generation der schnellen Zweitakter auf den Markt, diesmal mit komplett anderer Technik. Nicht nur die Optik und das Fahrwerk waren völlig überarbeitet worden, der Motor war nun wassergekühlt, und auch er wurde als Drosselversion vermarktet. Begabte Schrauber ließen bald die ursprünglichen Pferdchen laufen…

Zweitakter, wassergekühlt und aktuelle Renn-Optik. Für viele das Maß der Dinge, aber nicht meins. Außerdem: Ein gedrosseltes Rennpferd, macht das Sinn?

Aber auch Yamaha stieg in die Viertakt-Bauweise ein. In der 27-PS-Klasse kam die XS 360, ein Reihen-Twin, die bald von einer 400ccm-Version abgelöst wurde.

Das kantige Design und die ganz offensichtlich kostensparende Bauweise waren nicht mein Fall. Entsprechend hat dieses Motorrad bis heute nicht so richtig den Klassiker-Statur erlangt.

Besser gefallen hat mir zu der Zeit die Yamaha XT 500. Legende ist sie geworden. Aber so richtig warm werden wollte ich mit den Crossern nicht. Und im Zwei-Mann-Betrieb war sie doch sehr spartanisch.

Die XT 500, bis heute eine Yamaha-Legende. Und nicht zu Unrecht.

Also doch Suzuki? Da war nämlich die wirklich bildschöne erste Baureihe der GS 400.

Tank mit klassischen Rundungen in schönen Lackvarianten, ein moderner Twin mit zwei obenliegenden Nockenwellen, ein sehr ansprechendes modernes Cockpit - als Gimmick mit digitaler Ganganzeige – und ein schöner Heckbürzel waren schon eine Ansage.

Und dann machte Honda mit einem Knaller auf sich aufmerksam: Die CBX mit 1000 ccm und einem Sechszylinder erschien.

Was für ein Anblick!

Aber der eigentliche Knaller war für mich etwas anderes. Der 400 FOUR, die schon in diesem Jahr von einem neuen Twin abgelöst wurde, verpasste man eine 27-PS-Drossel, um die Restbestände schnell abzuverkaufen. So rückte der Traum vom Honda-Vierzylinder in greifbare Nähe, auch wenn er mein Erspartes restlos aufbrauchen würde. Als ich dann mit einem Händler in der Region noch einen entsprechend reduzierten Preis verhandeln konnte, fiel die Entscheidung schnell. Und bis heute bereue ich sie nicht.

Dieses Prospekt beschäftigte mich immer wieder damals. Für viele Stunden…
Die technischen Daten konnte ich bald auswendig aufsagen.
Schon das Titelblatt macht an, oder? Außerdem fand ich die Lederkombi klasse, damals war nämlich schwarz noch die vorherrschende Farbe. Meine erste hatte dann auch prompt dieses Farbschema. Und der neue AGV-Helm (derselbe wie der von ‚Ago‘) war identisch lackiert.

Es sollte fast 20 Jahre dauern, bis ich wieder Prospekt und Zeitungsartikel wälzte. Das Zweitmotorrad sollte ein Restaurierungsobjekt aus britischer Fertigung werden. Lange war die Norton Commando in der engeren Wahl, auch eine Triton hätte mir gefallen. Und dann gab es noch so ein paar ganz unanständige Offerten, wie die eines Motorradhauses in Dachau.

Im bayrischen Dachau wurden solche feinen Dampfhämmer angeboten.

Wirklich fasziniert haben mich die Vincents, insbesondere diese Egli-Vincent-Variante.

Diese finde ich bis heute bildschön. Ist aber weit außerhalb meiner Möglichkeiten.

Bei meinen Recherchen war ich immer wieder auf die englischen Dreizylinder gestoßen. Sehr ansprechend fand ich die Rob-North-Triples, aber die gab es (in Deutschland zumindest) leider nicht mit Straßenzulassung. Letztendlich lief mir dann eine völlig runtergerittene Triumph Trident T150 aus der allerersten Baureihe zu.

Auch Triumph warb mit den großen Rennerfolgen der Triples. Den Slogan ‚Erfolg der Vernunft‘ fasse ich mal als ironische Behauptung auf…

Und den Rob-North-Traum erfülle ich mir jetzt eben auf der Rennstrecke.